Südsudan

Ölindustrie vergiftet Wasser - Hoffnungszeichen deckt auf

28.05.2018
Seit Jahren kämpft Hoffnungszeichen für das Recht der Südsudanesen auf sauberes Trinkwasser. Das volle Ausmaß der Ölkatastrophe ist dramatisch.
Nachdem Bewohner von salzig schmeckendem Wasser berichteten, dokumentierte Klaus Stieglitz (Hoffnungszeichen) mit einem Team die unsachgemäße Förderung und Weiterverarbeitung von Rohöl im Gebiet Thar Jath.
Nachdem Bewohner von salzig schmeckendem Wasser berichteten, dokumentierte Klaus Stieglitz (Hoffnungszeichen) mit einem Team die unsachgemäße Förderung und Weiterverarbeitung von Rohöl im Gebiet Thar Jath.

Autor/in

Ildiko Mannsperger
Spenderbetreuung & Öffentlichkeitsarbeit

Alles begann mit einem Verdacht: Die Menschen im Gebiet Thar Jath berichteten, dass das Wasser salzig schmecke. Sie vermuteten, dass die Ölindustrie es verunreinige. Dieser Verdacht vor zehn Jahren veranlasste Hoffnungszeichen zu einer Kampagne, der sich die Menschenrechtsorganisation bis heute verschrieben hat. Das Ziel: Die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen und den Betroffenen Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglichen.

Bereits 2008 hatte Hoffnungszeichen das verantwortliche Ölkonsortium WNPOC, später SPOC (Sudd Petroleum Operating Company) mit Mehrheitseigentümer Petronas über die Trinkwasserverschmutzung informiert. Im Dezember 2009 gaben die Daimler AG und Petronas bekannt, dass Petronas Hauptsponsor des Mercedes-AMG-Petronas-Formel 1-Teams wird. Hoffnungszeichen machte deshalb Daimler-Vertreter auf den Ölskandal aufmerksam, woraufhin diese ein Treffen zwischen Hoffnungszeichen, dem Ölkonsortium sowie William Garjang Gieng, dem Umweltminister des damaligen südsudanesischen Teilstaats Unity, organisierten. Doch Verbesserungen für die Betroffenen blieben aus.

2014 konnte Klaus Stieglitz, Menschenrechtsexperte und Zweiter Vorstand von Hoffnungszeichen, durch Wasserproben gemeinsam mit einem Team aus Wissenschaftlern beweisen: Die Erdölindustrie hat im Norden des Südsudans das Grundwasser verseucht. Eine Erkenntnis mit Folgen für die Menschenrechtsorganisation. Bei einem Treffen im November 2015 warnte ein Mitarbeiter der südsudanesischen Regierung Hoffnungszeichen: Man sehe es als „Akt gegen die Regierung und als Bedrohung für die Sicherheit des Landes“ an, sollte Hoffnungszeichen ohne Abstimmung mit dem Ministerium weitere Informationen veröffentlichen. Berater empfahlen Hoffnungszeichen, diese Drohung ernst zu nehmen. Daraufhin zog Hoffnungszeichen Anfang 2016 alle ausländischen Mitarbeiter aus dem Südsudan ab, um ihre Sicherheit nicht zu gefährden. Doch die Menschenrechtsorganisation ließ sich nicht einschüchtern, sondern betreibt seitdem eine Aufklärungskampagne. 2016 veröffentlichte Hoffnungszeichen schockierende Ergebnisse einer Haaranalyse der Bewohner aus Koch, Leer, Nyal und Rumbek: Durch den Konsum des verseuchten Wassers sind diese Menschen bereits mit Schadstoffen wie Blei und Barium belastet. Dies bestätigten auch zwei wissenschaftliche Gutachten, unter anderem von Prof. Dr. Fritz Pragst, dem ehemaligen Leiter der Abteilung für Forensische Toxikologie des Instituts für Rechtsmedizin an der Berliner Charité.

Verheerendes Ausmaß der Ölkatastrophe belegt

Mit neuen Zahlen hat Hoffnungszeichen 2018 schließlich das ganze Ausmaß des Skandals belegt: Mindestens 600.000 Südsudanesen sind durch die Ölkatastrophe gefährdet. In die Berechnungen bezieht Hoffnungszeichen alle Ölfelder im Südsudan ein, an denen Mercedes' Formel 1-Sponsor Petronas beteiligt ist. Für SPOC im Ölgebiet Thar Jath geht Hoffnungszeichen von etwa 238.000 Betroffenen aus, im Ölgebiet GPOC (Greater Nile Petroleum Operating Company) nördlich von Bentiu sind circa 182.000 Menschen betroffen. Für das Gebiet DPOC (Dar Petroleum Operating Company) bei Melut errechnete Hoffnungszeichen rund 184.000 Leidtragende. Diese Zahlen hat die Organisation auch bei einem von Petronas und Daimler initiierten Treffen im April 2018 in Zürich vorgestellt. Nach Einschätzung der Menschenrechtsexperten von Hoffnungszeichen würde es rund 250 Euro kosten, um einer Person in einem ölverseuchten Gebiet im Südsudan über zehn Jahre hinweg Zugang zu unbedenklichem Trinkwasser zu ermöglichen. Petronas müsste den Betroffenen 150 Millionen Euro bereitstellen. Der Wille des Ölgiganten den Menschen zu helfen, erscheint dem Zweiten Vorstand Klaus Stieglitz zu gering: „In Anbetracht des Ausmaßes der Ölkatastrophe im Südsudan ist uns die Handlungsbereitschaft von Petronas nicht weitreichend genug. Unbeantwortet blieb bisher unter anderem unsere Forderung nach einer umfassenden medizinischen Studie über den Gesundheitszustand der betroffenen Bevölkerung“, erklärte der Menschenrechtsexperte bei einer Pressekonferenz in Berlin im Anschluss an das Gespräch mit den Beteiligten.

Engagement der Zivilbevölkerung macht Mut

Mit der Kampagne über diesen Umwelt- und Vergiftungsskandal unterstützt Hoffnungszeichen auch Aktivisten im Südsudan. Dazu zählt der Träger des Alternativen Nobelpreises, Nnimmo Bassey. Mit seiner Organisation Oilwatch betreibt er Aufklärungsarbeit über die verheerenden Auswirkungen der Ölförderung auf Mensch und Umwelt. Auch Dr. Bior K. Bior, Mikrobiologe und Leiter des Nile Institute for Environmental Health mit Sitz in Juba, unterstützt die Menschenrechtsarbeit von Hoffnungszeichen. Auf Forschungsreisen ins Ölgebiet DPOC bei Melut hat der Südsudanese die Auswirkungen der Kontamination dokumentiert und sensibilisiert die Menschen vor Ort. Das wachsende Engagement der südsudanesischen Zivilbevölkerung macht dem Menschenrechtsexperten Klaus Stieglitz Mut: „Uns ging es von Anfang an um das Wohl der Menschen im Südsudan. Wir wollen der südsudanesischen Bevölkerung dabei helfen, für ihr Recht auf sauberes Trinkwasser selbst einzustehen. Die Verantwortlichen sollen wissen: Wir haben einen langen Atem.“

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