Bergkarabach

"Jede Nacht habe ich von meinem Sohn geträumt"

27.03.2020
Der Krieg um die Region Bergkarabach wirkt nach. Das Leid in der Bevölkerung ist groß. Die Menschen müssen Armut und Hunger ertragen – und jetzt auch noch die tödliche Bedrohung durch den sich ausbreitenden Coronavirus.
Kristina Israjelyan (r.) berichtet unserer Mitarbeiterin Aljona Zeytunyan (Mitte) von familiären Schicksalsschlägen. Einige Angehörige sind krank, die Armut der Familie ist groß.
Kristina Israjelyan (r.) berichtet unserer Mitarbeiterin Aljona Zeytunyan (Mitte) von familiären Schicksalsschlägen. Einige Angehörige sind krank, die Armut der Familie ist groß.

„Ich dachte, dass mich nichts mehr wirklich erschrecken kann“, berichtet unser Mitarbeiter Wigen Aghanikjan. „Nach so vielen Besuchen bei bitterarmen Menschen glaubt man, dass man schon alles gesehen hat. Aber als wir die Familie Israjelyan besucht haben, waren wir erschüttert.“ Armut und Hunger plagen viele Familien in Bergkarabach – und jetzt kommt auch noch die Bedrohung durch den Coronavirus hinzu. „Es mangelt an Masken und Schutzkleidung und an Medikamenten sowieso. In den Geschäften werden Lebensmittel knapp“, so Wigen Aghanikjan. Umso wichtiger sind die Lebensmittelhilfen von Hoffnungszeichen.

„Ich hoffe, niemand lebt so wie wir“

Die Epidemie verschlimmert auch die Lage der Israjelyans. Schon bei der letzten Hilfsaktion in Bergkarabach im Spätsommer 2019 haben Wigen und seine Kollegin Aljona Zeytunyan der sechsköpfigen Familie im abgelegenen Dorf Patara in der Provinz Askeran Nahrungsmittel überbracht. Die drei Kinder Nver (15), Nune (11) und Erik (2), die Eltern Kristina und Samvel Israjelyan sowie die 78-jährige Oma Varditer lebten zu diesem Zeitpunkt unter katastrophalen Bedingungen in einem einsturzgefährdeten alten Haus.

Besonders dramatisch ist aber, dass die halbe Familie krank ist. Tochter Nune leidet unter Lähmungserscheinungen. Weil die Pflege des Kindes die Eltern letztlich überforderte, mussten sie ihre Tochter schweren Herzens in ein Pflegeheim im armenischen Eriwan bringen. Auch der kleine Erik ist nicht gesund. Regelmäßig bekommt er quälende allergische Ausschläge. Und Vater Samvel leidet an Epilepsie, was ihm die Versorgung seiner Familie sehr erschwert. Zudem verletzte er sich vor kurzem bei der Arbeit im Wald schwer an seiner linken Hand. Weil er aus diesem Grund mehrere Wochen kein Geld verdienen konnte, kündigte der Besitzer des Hauses der Familie den Mietvertrag und ließ ihnen drei Tage Zeit, sich eine andere Bleibe zu suchen. Oma Varditer sagte unter Tränen: „Ich wünsche mir, dass keine Familie auf der Welt so leben muss wie wir.“

Das Schicksal der Israjelyans ließ unseren Mitarbeitern keine Ruhe, und so erkundigte sich Wigen im Februar nach ihnen. „Leider hat sich ihre Situation nicht verbessert“, berichtet er. „Nach dem erzwungenen Umzug in das Dorf Khnabad leben sie nun unter ähnlich schwierigen Bedingungen. Der Bürgermeister erzählte mir, dass die Versorgung der Familie ganz auf den Schultern der jungen Frau lastet und dass sie schon jetzt hohe Schulden im Dorfladen haben. Bei unserer nächsten Hilfsaktion im April werden wir der Familie auf jeden Fall wieder ein Nahrungsmittelpaket überbringen.“

Blind und allein

Die 75-jährige Roza Avagyan hat ebenfalls viel Leid erlebt. Ihr Sohn ist mit 23 Jahren im Krieg geblieben. Bis heute steht er auf der Liste der Vermissten; offiziell für tot erklärt wurde er nicht. Gerade das macht der einsamen alten Frau furchtbar zu schaffen. „Nachdem er nicht zurückkehrte, habe ich jahrelang jede Nacht von ihm geträumt“, berichtet die Seniorin. Später begannen die Kopfschmerzen, die ihr den Schlaf raubten, und vor vier Jahren ließ ein Schlaganfall sie erblinden. Ihr Mann, ihr letzter Halt, starb vor drei Jahren. „Mein Leben hat keinen Sinn mehr“, sagt die Frau.

Von ihrer kleinen Rente kann sich Roza Avagyan kaum Medikamente und Lebensmittel leisten. Durch ihre Blindheit ist sie ans Haus gefesselt und auch dort sehr eingeschränkt. Den ganzen Tag wartet sie, ob Nachbarn bei ihr vorbeischauen. Der Besuch von Aljona und Wigen versetzt die ältere Dame deshalb in große Aufregung. Ganz genau möchte sie wissen, von wem das Hilfspaket stammt, das die beiden ihr überbringen, und sie bedankt sich herzlich dafür.

Die Pakete, die unsere Mitarbeiter zweimal jährlich an 150 Familien oder alleinstehende alte Menschen übergeben, enthalten Grundnahrungsmittel wie Speiseöl, Butterschmalz, Mehl, Nudeln, Buchweizen und Salz. Aber auch Fleischkonserven, Tee und Süßigkeiten gehören dazu. Vor allem die Kinder sind beim Anblick der Bonbons oft ganz aus dem Häuschen.

Die Dankbarkeit für die „deutsche Hilfe“, wie sie in Bergkarabach von den Menschen genannt wird, ist groß. Mit 60 Euro können Sie, liebe Leserinnen und Leser, schon in den nächsten Tagen eines dieser Hilfspakete auf den Weg zu einer Familie wie den Israjelyans schicken. Auch jeder andere Betrag unter dem Spendenstichwort „Bergkarabach“ ist eine große Hilfe. Wir danken Ihnen im Namen von Menschen wie Roza Avagyan herzlich für jede Gabe.

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