Bergkarabach

Beten für Frieden und eine bessere Zukunft

24.03.2019
Die Angst vor einer erneuten Eskalation der Gewalt und eine bittere Armut belasten die Menschen in Bergkarabach. Hoffnungszeichen hilft in der Konfliktregion mit Nahrungsmitteln.
Sie steht vor den Trümmern, die sie ihr Zuhause nennt. Die 80-jährige Mariam Gnasian erzählt Hoffnungszeichen-Mitarbeiterin Ildiko Mannsperger von ihrem Leben in großer Armut.
Sie steht vor den Trümmern, die sie ihr Zuhause nennt. Die 80-jährige Mariam Gnasian erzählt Hoffnungszeichen-Mitarbeiterin Ildiko Mannsperger von ihrem Leben in großer Armut.

Autor/in

Ildiko Mannsperger
Spenderbetreuung & Öffentlichkeitsarbeit

„Wir schlafen hier immer mit einem geöffneten Auge, denn wir wissen nie, wann der Krieg wieder ausbrechen wird“, erklären mir die Menschen an jedem Tag in Bergkarabach. Gemeinsam mit einer Kollegin bin ich dorthin gereist, wo die Angst vor Krieg und Vertreibung zum Alltag gehört. Schon vor unserer Reise vermutete ich: Hier werde ich als jemand, für den Frieden im eigenen Land bisher eine Selbstverständlichkeit war, Einblick in eine andere Lebensrealität erhalten. Und tatsächlich wird das Gefühl einer unterschwelligen Bedrohung schon auf der etwa dreistündigen Fahrt vom armenischen Eriwan nach Stepanakert, Hauptstadt Bergkarabachs, zu unserem Begleiter.

Aus dem Autofenster sehen wir eine atemberaubende Berglandschaft. Doch die Idylle trügt, denn große Teile dieser so friedlich anmutenden Szenerie sind vermint. Blaue Schilder der britischen Organisation HALO Trust zeigen an, wo man sich ohne Gefahr in Minen-befreiten Gebieten bewegen kann. Ich frage mich: Wie hält man diese ständige Gefahr aus? Antworten erhalten wir im Gespräch mit den Menschen vor Ort.

„Seht ihr, wie ich leben muss?“

Unser erster Besuch führt uns nach Schuschi. Ruinen und zerfallene Häuser prägen das Stadtbild. Und auch die Behausung der 80-jährigen Mariam Gnasian wirkt mehr wie eine Ruine als ein Zuhause. Sie schämt sich sehr für ihre Lebensverhältnisse und ist aufgebracht. „Seht ihr, wie ich leben muss? Ich habe keine Matratze, die Wände sind kaputt undwenn es regnet, läuft die ganze Wohnung mit Wasser voll“, berichtet sie uns unter Tränen. Ich bin bestürzt, als sie uns einen Blick in ihr Zimmer werfen lässt. Mit Wellblech und Pappkartons hat sie das beschädigte Gebäude notdürftig repariert. In der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku hatte sie als Apothekerin gearbeitet, wurde dann vertrieben und schlug sich in Schuschi als Straßenkehrerin durch. Doch heute ist sie zu alt, um dieser körperlich anstrengenden Arbeit nachzugehen und deshalb dankbar für die Lebensmittelpakete von Hoffnungszeichen. Als wir uns auf den Weg machen, will sie meiner Kollegin die Hände küssen und sagt: „Ich habe Vertrauen in euch. Bitte richtet den Menschen meinen großen Dank aus.“

Der Konflikt im Kaukasus: Nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen rief sich 1991 die überwiegend von Armeniern bewohnte Region Bergkarabach im Südwesten Aserbaidschans als „Republik Bergkarabach“ aus, seit 2017 nennt sie sich „Republik Arzach“. Völkerrechtlich gehört Bergkarabach zu Aserbaidschan, ist aber seit Ende des Unabhängigkeitskriegs 1994 de facto selbständig. Die Lage ist fragil – bei Schusswechseln im April 2016 starben über 100 Menschen.

Die Angst vor dem Krieg ist allgegenwärtig

Die Kriegserfahrung und der andauernde Konflikt um die politische Zugehörigkeit zermürben die Menschen. Wie sehr der Konflikt die Menschen belastet, erfahren wir beim Besuch des 79-jährigen Joníc Kartaseyan. In seinem Treppenhaus sehen wir Einschusslöcher an den Wänden, die beim Wiederaufflammen des kriegerischen Konflikts 2016 entstanden sind. Mir wird flau im Magen, denn auf einmal ist der Krieg ganz nah. Jugendliche haben ein Herz über die Einschusslöcher gemalt – sie sehnen sich nach einer Zukunft in Frieden.

Der alleinstehende Joníc erzählt uns, dass die Isolation der Wirtschaft schade. Auch er könne von rund 80 Euro Rente nicht leben. Früher war er Bauarbeiter und ist es gewohnt, anzupacken. Im kalten Winter verbrannte er in der Not alles, was er finden konnte, auch Schuhe und Plastiktüten. Die giftigen Dämpfe haben nicht nur die Wände geschwärzt, er verlor sein Augenlicht. Trotzdem ist er nicht verbittert, sondern dankbar für jede Unterstützung: „Die Lebensmittel aus Deutschland sind für mich eine große Hilfe. Endlich kann ich mich wieder sattessen“, erzählt er uns. Und dann gibt er uns mit auf den Weg: „Ich habe einen großen Wunsch – die ganze Welt soll in Frieden leben können.“

In dieser Nacht schlafe auch ich mit einem geöffneten Auge – teils, weil auch mir bewusst wird, dass der Konflikt hier jederzeit wieder ausbrechen kann. Teils, weil mir die Schicksale meiner Gesprächspartner nicht aus dem Kopf gehen und ich schwer zur Ruhe komme. Zurück in Deutschland werde ich noch oft an sie denken und bin froh, dass wir ihnen mit unseren Hilfspaketen zeigen können – wir haben euch nicht vergessen.

In den nächsten Tagen möchten sich unsere beiden armenischen Mitarbeiter wieder auf den Weg nach Bergkarabach begeben und bedürftige Familien, alleinstehende Senioren
und Waisen mit Hilfsgütern unterstützen. Mit 65 Euro (Spendenstichwort: „Bergkarabach“) ermöglichen Sie ein Paket mit Hygieneartikeln und überlebenswichtigen Lebensmitteln. Die Menschen danken von Herzen für Ihren Beistand.

Spenden

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