Bergkarabach

Ein Jahr nach Beginn des Konflikts

07.09.2021
Am 27. September 2020 eskalierten die Kampfhandlungen zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach. Es kam zu einer bewaffneten Auseinandersetzung mit mehreren tausend Todesopfern und Binnenvertriebenen. Ein Jahr nach dem Konflikt leiden viele Familien in Bergkarabach noch immer unter den Folgen.
Kamila Sargsyans Söhne sind beide im letzten Krieg um Bergkarabach verwundet worden. Einer von ihnen liegt noch in einem Militärkrankenhaus im armenischen Eriwan, er hat sein Augenlicht verloren.
Kamila Sargsyans Söhne sind beide im letzten Krieg um Bergkarabach verwundet worden. Einer von ihnen liegt noch in einem Militärkrankenhaus im armenischen Eriwan, er hat sein Augenlicht verloren.

Not und Angst - Bergkarabach kommt nicht zur Ruhe

Der Streit zwischen Armenien und Aserbaidschan um Bergkarabach begann bereits vor über 100 Jahren und mündete 1992 in einem verlustreichen Krieg. Im September 2020 eskalierten die Kampfhandlungen um die Kaukasusregion erneut. Der schwere Konflikt, der bis zum 9. November anhielt, forderte 6.500 Todesopfer und unzählige Binnenvertriebene. Die international nicht anerkannte „Republik Arzach“ verlor weite Teile an Aserbaidschan. Derzeit herrscht ein zerbrechlicher Waffenstillstand. Die Wirtschaft liegt schon lange am Boden. Jetzt verschärft sich die soziale Lage durch mittellose Binnenvertriebene. Durch die jüngsten politischen Entwicklungen in Armenien nehmen die Ängste der Bevölkerung in Bergkarabach zu – die Menschen fühlen sich alleingelassen in ihren Sorgen und Nöten. Hinzu kommt die Gefahr von explodierenden Landminen und Blindgängern, die Menschen verstümmeln.

Familie durch den Konflikt getrennt

Der Konflikt und seine Folgen belasten das ohnehin schwere Leben vieler Familien in Bergkarabach noch mehr. Viele Menschen, die ihr Leben retten konnten, haben alles verloren. Darunter ist die Familie von Kamila Sargsyan. Überlebt haben ihre beiden Söhne. Immerhin das. Die 61-jährige Kamila Sargsyan weiß, wie es sich anfühlt, einen geliebten Menschen an den Krieg zu verlieren. 1992 fiel ihr Mann im damaligen Konflikt um Bergkarabach, und sie zog ihre beiden Jungen alleine auf. Ein armenisches Schicksal, tausendfach geteilt. Und nun musste sie auch um ihre Söhne bangen, die in dem erneuten, 44 Tage währenden Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien kämpften. Zurückgekehrt sind beide, doch Wunden haben sie davongetragen. Den Jüngeren pflegt sie zu Hause in ihrem Dorf Kolchosaschen (Provinz Martuni). Der andere Sohn liegt noch in einem Militärkrankenhaus in der armenischen Hauptstadt Eriwan. Eine Granate hat ihm das Augenlicht genommen. Aber er lebt. Ihn besuchen, ja, das würde sie gerne, ihn in die Arme schließen und mit ihm weinen. Aber nach Eriwan zu fahren, dafür hat Kamila, die als Reinigungskraft arbeitet, kein Geld. Dankbar nimmt sie das Hilfspaket von Hoffnungszeichen entgegen.

Der Dank der Flüchtlingskinder

Die Kinder der Familie Gharabekyan sind allein zu Hause, als unsere Mitarbeiter Aljona Zeytunyan und Wigen Aghanikjan ihnen die Hilfsgüter überbringen. Mutter Paycar ist mit dem ältesten Sohn auf Arbeitssuche. Scheu mustern die Kinder die Besucher. Der 12-jährige Ruslan spricht für alle. Nein, zu essen gäbe es nichts, sagt er auf die Frage unserer Mitarbeiter, aber die Mutter käme am Abend heim. Die Familie wohnt noch nicht lange hier in Hovsepavan (Provinz Askeran). Eigentlich stammt sie aus dem Dorf Armenakavan in der Provinz Martakert, doch die Heimat der Gharabekyans steht seit dem Krieg im letzten Herbst unter aserbaidschanischer Kontrolle. Dass sie nicht dorthin zurückkönnen, hat vor allem Ruslans kleiner Bruder Radion noch nicht verstanden – der Sechsjährige vermisst seine Heimat sehr.

Die Kinder, deren Gesichter von Leid und Entbehrung gezeichnet sind, schauen unentwegt auf die mitgebrachte Hilfe, während Aljona und Wigen sich bemühen, etwas über den Alltag der Flüchtlingsfamilie zu erfahren. Der Vater ist vor drei Jahren in die Ukraine gefahren, um dort Geld zu verdienen, doch seit zwei Jahren hat er sich nicht mehr gemeldet. Mama Paycar bringt ihre fünf Kinder seitdem ganz alleine durch – durch die Armut, den erneuten Krieg und die Flucht. Auch dieses Schicksal ist Alltag in Bergkarabach – viele Väter verschwinden auf der Suche nach Arbeit auf Nimmerwiedersehen. Die Mütter werden nicht gefragt, wie sie überleben; sie schaffen es, sie müssen es schaffen, für Kinder wie Ruslan und Radion. Heute wenigstens scheint die Sonne heller – heute gibt es ein Hilfspaket mit nahrhaftem Inhalt. Der Dank kommt aus den Kinderherzen hervorgesprudelt.

Hilfspakete in der größten Not

Unsere anstehende Hilfsaktion für 150 alleinlebende ältere Menschen sowie kinderreiche bedürftige Familien erreicht dieses Mal auch Menschen, die ihre Heimat innerhalb Bergkarabachs durch den letzten kurzen, aber entbehrungsreichen Krieg verloren haben. „Auf armenischer Seite gab es mindestens 4.000 Opfer und über 11.000 Verwundete. Rund 38.000 Flüchtlinge aus den Provinzen Hadrut, Kaschatach, Schahumjan und der Stadt Schuschi wohnen mittlerweile in Hotels, Kindergärten, Schulen, Wohnheimen oder bei Verwandten“, berichtet Wigen. Allein in der Stadt Stepanakert wurden bisher über 4.500 Minen und Granaten entschärft, im Umland liegen sie noch zu Tausenden. Während Mitarbeiter des von Hoffnungszeichen seit vielen Jahren unterstützten Prothesenzentrums in Stepanakert die Hilfspakete unserer letzten Verteilaktion packen, bekommt im Behandlungsraum nebenan Tigran Harityunyan eine Unterschenkelprothese angepasst. Als Angehöriger des Katastrophenschutzes war er im April im Wald auf der Suche nach gefallenen oder verwundeten Soldaten, als er auf eine Mine trat.

Mit einer Spende von 65 Euro können Sie ein Lebensmittel-Hilfspaket auf den Weg schicken. Auch jeder andere Betrag ist eine große Unterstützung für Menschen wie Kamila oder die Familie Gharabekyan. Danke, dass Sie Bedürftigen in Bergkarabach Ihre Hand reichen!

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