Äthiopien

Ein Reisebericht von Michaela Groß

„Wenn du weit gehen willst, dann geh gemeinsam.“
In diesem afrikanischen Sprichwort spiegelt sich die Kraft des Projekts wider, das Michaela Groß auf ihrer Reise nach Äthiopien besucht hat. Warum diese Worte so passend sind, erzählt sie uns im Interview.

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Eine Gruppe Frauen beim Brot schneiden

Was sind die größten Herausforderungen für die Menschen, die du getroffen hast?

Michaela: Äthiopien ist ein Vielvölkerstaat mit über 90 ethnischen Gruppen und Sprachen. Der Binnenstaat grenzt an Dschibuti, Eritrea, Kenia, Somalia, den Südsudan und den Sudan. Aufgrund der unterschiedlichen Höhenlagen variiert das Klima von tropisch-heiß bis kühl. Diese Faktoren verschärfen die Not der Menschen: Grenzkonflikte um Ressourcen, zunehmende Dürren, Überschwemmungen, Erdrutsche sowie der Krieg in Tigray führten zu Vertreibungen und einem täglichen Überlebenskampf.

Welches Projekt hast Du besucht und was ist die konkrete Idee dahinter?

Michaela: Mit meinen Kollegen und unserem Partner SCORE bin ich in den Süden Äthiopiens gereist, bis an die Grenze zu Kenia. Von Yabello aus führte uns unser Weg nach Magado und Dillo.
Dank der Unterstützung unserer Spender und der Förderung durch das BMZ führen wir dort ein Multi-Akteurs-Projekt (MAP) durch. Der Kernansatz ist simpel, aber wirkungsvoll: Nur wenn Menschen aus verschiedenen Bereichen zusammenarbeiten, lassen sich die Herausforderungen vor Ort wirklich bewältigen. Konkret geht es darum, die Ernährungs-sicherheit zu verbessern, den Frieden zu fördern und Lebensgrundlagen zu schaffen.
Klingt fast zu schön, um wahr zu sein? Das dachte ich auch – bis ich mit den Menschen vor Ort sprach. Erst dann wurde mir klar, wie greifbar diese Ziele bereits sind.
 

Konntest Du erleben, was das Projekt vor Ort bereits verändert hat?

Michaela: Ja, absolut. Um es noch einmal zu verdeutlichen: Unsere Kernziele sind die Ernährungssicherheit und der Aufbau stabiler Existenzgrundlagen. Doch beides ist ohne Frieden schlicht nicht erreichbar.

In Dillo ist die Viehzucht die Lebensgrundlage. Die Gesundheit der Tiere ist hier direkt mit der Ernährungssicherheit verknüpft: Geht es den Ziegen, Schafen und Kamelen gut, geht es auch den Menschen gut. Gibt es jedoch Krankheiten oder Verluste, führt dies in dieser schwer zugänglichen Grenzregion fast unweigerlich zu gewaltsamen Konflikten um die verbleibenden Ressourcen – ein gefährlicher Teufelskreis.

Unser Ausweg war ein systematischer Ansatz: Zuerst haben wir eine Gesundheitsstation für Nutztiere gebaut, die heute sechs Regionen versorgt. Da sowohl äthiopische als auch kenianische Hirten ihre Tiere dort versorgen lassen, können Seuchen grenzüberschreitend früh erkannt und eingedämmt werden. Da sich an diesem Ort ohnehin viele Menschen treffen, war der nächste Schritt logisch: Die Einrichtung eines wöchentlichen Viehmarktes für beide Seiten der Grenze.

Wo Handel getrieben wird, entstehen Begegnungen. Auf dieser Basis gründeten wir Friedenskomitees, die von den Stammesältesten geleitet werden. Wir sprachen mit Dhalacha Dhenge aus Kenia und Malikano Kare aus Äthiopien, die gemeinsam diese grenzübergreifende Gruppe leiten. Sie erzählten uns, dass die größte Hürde darin bestand, die eigentlichen Trennlinien zwischen den Stämmen zu finden. Oft waren es Hassreden, Gerüchte oder Streitigkeiten über Wasser und Weideflächen. Heute setzt man sich zusammen und findet gemeinsame Lösungen. Das schafft echtes Vertrauen, und da die Schiedssprüche der Ältesten auch von der Lokalregierung anerkannt werden, ist dieser Frieden nachhaltig.

Die Frauen organisieren das tägliche Überleben. Hier setzen unsere ‚Spargruppen‘ an. In monatlichen Treffen finden die Frauen nicht nur Gemeinschaft, sondern auch eine Chance auf einen Neuanfang – besonders jene, die durch Dürren oder Konflikte alles verloren hatten. Durch Kleinkredite können sie nun beispielsweise Ziegen mästen oder mit Salz aus dem nahegelegenen Salzsee handeln. Die Sprecherin Kabare Molofe der Gruppe Gamachu („Langes Leben“) fasste es bewegend zusammen: „Ihr habt uns ein Licht gebracht und uns geholfen, auf eigenen Beinen zu stehen.“ Besonders beeindruckend ist, dass die Kredite zuverlässig zurückgezahlt wurden und das gemeinsame Kapital stetig wächst.

Der Salzsee von Dillo.
Der Salzsee von Dillo: Hier wandern die Frauen herunter, um das Salz zum Verkauf zu gewinnen. So kurz nach der Regenzeit ist es noch grün.

Welche Begegnung hat Dich während der Reise besonders bewegt – und warum?

Michaela: Besonders tief bewegt hat mich die Begegnung mit den Frauen der Spargruppen (VSLA) in Magado. Sehr berührt hat mich ihr Bild von der Zukunft: Sie erzählten, dass sie selbst eines Tages anderen Schutz und Unterstützung bieten möchten, sobald sie stabil genug sind. Darin liegen eine unglaubliche Kraft, Hoffnung und ein neues Selbstbewusstsein.

Was nimmst Du persönlich aus dieser Reise mit – für Dich und für Deine Arbeit bei Hoffnungszeichen? 

Michaela: Ich nehme mit, wie viel wachsen kann, wenn Menschen zusammenarbeiten. Hinter Budgets und Maßnahmen stehen Menschen, die Chancen nutzen und daraus etwas Eigenes entwickeln. Für meine Arbeit bei Hoffnungszeichen möchte ich genau diese persönlichen Geschichten stärker sichtbar machen. Sie zeigen viel eindrücklicher als jede Statistik, was unsere Projekte im Leben von Menschen wirklich verändern.

Kind auf einem Baum
Wir werden immer von Kindern begleitet.

Wie kann das Projekt von Deutschland aus am besten unterstützt werden?

Michaela: Spenden sind am wirkungsvollsten, wenn sie gezielt und verantwortungsvoll eingesetzt werden. Deshalb setzen wir bei Hoffnungszeichen auf langjährige Partnerschaften mit lokalen Organisationen. Unsere Partner sind tief in der Region verwurzelt; sie sprechen die Sprache, kennen die Kultur und verstehen die täglichen Herausforderungen der Menschen aus erster Hand. Da viele der Mitarbeitenden selbst aus diesen Gemeinschaften stammen, bringen sie ein enormes Engagement mit. Das garantiert, dass Ihre Unterstützung genau dort ankommt, wo sie am dringendsten benötigt wird .
 

Meine Spende für Äthiopien

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