Am Gesundheitsamt in St. Petersburg haben Aktivisten eine Gedenkwand für  an Covid-19 verstorbenes medizinisches Personal errichtet. Offiziell statistisch  erfasst werden diese Opfer nicht.
Am Gesundheitsamt in St. Petersburg haben Aktivisten eine Gedenkwand für an Covid-19 verstorbenes medizinisches Personal errichtet. Offiziell statistisch erfasst werden diese Opfer nicht.
22.06.2020

Russland: Maulkorb für kritische Krisenhelfer

Seit Beginn der Covid-19-Pandemie spitzt sich die Arbeitssituation des medizinischen Personals vielerorts zu. Kritik an den unhaltbaren Verhältnissen wird hart geahndet. Wir möchten uns mit unserer Protestaktion für die Ärzte und Pfleger einsetzen.
Protestieren Sie für: 
  • eine Einstellung der Disziplinarmaßnahmen
  • die Versorgung des medizinischen Personals
Protestieren Sie bei: 

Präsident Wladimir Putin, c/o Botschaft der Russischen Föderation, S. E. Herrn Sergei Nechaev, Berlin

Verbleibende Zeit
50 Tage verbleibend

Sehr geehrter Herr Präsident, mit großer Sorge verfolge ich die Lage von Frau Dr. Tatyana Revva, einer Ärztin aus Kalatsch am Don, die wegen ihrer Äußerungen zur aktuellen Corona-Situation Repressalien erleidet. Ich fordere Sie dringend auf, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Auflagen und Disziplinarverfahren gegen Tatyana Revva zu beenden und sicherzustellen, dass sie ihrer Arbeit nachgehen und ihr Recht auf freie Meinungsäußerung ausüben kann. Ich bitte Sie höflich, Berichte über die unzureichende Versorgung des medizinischen Personals im Krankenhaus von Kalatsch am Don mit persönlicher Schutzausrüstung zu prüfen und umgehend zu veranlassen, dass das Krankenhauspersonal angemessen vor einer Ansteckung mit Covid-19 geschützt wird. Hochachtungsvoll

Уважаемый господин Президент! С глубокой обеспокоенностью я слежу за развитием ситуации вокруг доктора Татьяны Реввы, врача из Калача-на-Дону, которая подвергается преследованиям после заявлений, сделанных ею по поводу текущего положения дел, связанных с коронавирусной инфекцией. Настоятельно призываю Вас принять меры, необходимые для снятия ограничений и прекращения дисциплинарного производства в отношении Татьяны Реввы, а также обеспечить её возможностью выполнять свою работу и осуществлять своё право на свободу слова. Убедительно прошу Вас расследовать сообщения о недостаточном обеспечении медицинского персонала Калачевской больницы средствами индивидуальной защиты и незамедлительно распорядиться о принятии мер по обеспечению надлежащей защиты работников больницы от заражения Covid-19. С уважением

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Mit Absenden der Nachricht wird den Verantwortungsträgern eine E-Mail mit unserer gemeinsamen Forderung, Ihrer Anmerkung sowie Vorname/Nachname und Ihrer E-Mail-Adresse zugestellt.
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Ein Video gab den Ausschlag. Die Fachärztin für Intensivmedizin Tatyana Revva aus dem südrussischen Verwaltungsbezirk Wolgograd beschreibt darin eindringlich aktuelle Probleme in ihrer Klinik in Kalatsch am Don nach Beginn der Covid-19-Pandemie: mangelnde und unzureichende Ausrüstung. Sie reicht ihre Beschwerde Anfang März bei der unabhängigen Ärztegewerkschaft ein. Doch anstatt Unterstützung für sich und ihre Kollegen zu erfahren, wird sie daraufhin mit Disziplinarmaßnahmen überzogen.

Kritik ist unerwünscht

Die Klinikverwaltung habe der Ärztin innerhalb eines Monats zwei formale Beschwerden und eine schriftliche Verwarnung geschickt, berichtet die Menschenrechtsorganisation amnesty international (ai). Zusätzlich musste sie insgesamt sechs schriftliche Stellungnahmen zu angeblichen „Unregelmäßigkeiten“ in ihrer Arbeit einreichen. Besonders perfide aber ist ein gegen sie eingeleitetes Disziplinarverfahren, da sie angeblich ihre Schweigepflicht gebrochen haben soll. Der betreffende Patient ist allerdings Tatyana Revvas Vater, der mit Verdacht auf Herzinfarkt in die Notaufnahme ihrer Klinik eingeliefert worden war und den sie privat besucht hatte. Danach erhielt sie eine offizielle Rüge: sie hätte es versäumt, die Patientenakte auszufüllen. Dabei ist Tatyana Revva weder die behandelnde Ärztin, noch handelt es sich um ihr Fachgebiet. Die Ärztin betont, dass all diese Anschuldigungen unbegründet und nur wegen ihrer Kritik erhoben worden seien.

Was ai über diesen konkreten Fall berichtet, ist symptomatisch für die Situation des Gesundheitswesens und die Menschenrechtslage in Russland. Sowohl Beschäftigte im Gesundheitswesen als auch Menschenrechtsverteidiger seien im Zuge der Corona-Pandemie vermehrt Repressalien ausgesetzt: „Einige werden verfolgt, weil sie Bedenken bezüglich knapper und mangelhafter Ausrüstung, unzureichender Schulungen, schlechter Bezahlung oder unsicherer Arbeitsbedingungen geäußert haben. Andere nur deswegen, weil sie helfen wollen. So wurde die Vorsitzende der unabhängigen Ärztegewerkschaft, Anastasia Vasilieva, am 2. April gemeinsam mit einigen Kolleg_innen in der Gegend um Novgorod von der Polizei festgenommen, als sie versuchten, ein örtliches Krankenhaus mit Schutzausrüstung zu versorgen. Sie wurde über Nacht festgehalten und dann wegen, Missachtung von polizeilichen Anweisungen‘ angeklagt und mit einer Geldstrafe von 1.600 Rubel (etwa 20 Euro) belegt. Bereits im März war Anastasia Vasilieva im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen zu Falschnachrichten zu einer Vernehmung vor die Ermittlungsbehörden geladen worden.“

Am Gesundheitsamt in St. Petersburg haben Aktivisten eine Gedenkwand für  an Covid-19 verstorbenes medizinisches Personal errichtet. Offiziell statistisch  erfasst werden diese Opfer nicht.
Am Gesundheitsamt in St. Petersburg haben Aktivisten eine Gedenkwand für an Covid-19 verstorbenes medizinisches Personal errichtet. Offiziell statistisch erfasst werden diese Opfer nicht.

Arbeiten im Ausnahmezustand

In Russland gibt es keine offizielle Statistik darüber, wie viele medizinische Kräfte mit Covid-19 angesteckt wurden oder daran verstorben sind, und die vorhandenen Statistiken zu allgemeinen Erkrankungs- und Sterbezahlen sind mehr als fragwürdig. Auf einer nicht-staatlichen Website sind hunderte medizinische Fachkräfte aufgelistet, die im Kampf gegen die Pandemie gestorben sind. Die Deutsche Welle (DW) hat mit Ärzten und Personal in verschiedenen Regionen des Landes über die Corona-Situation gesprochen. Ihre Berichte sind teilweise dramatisch; viele scheuen sich, ihre Namen bekanntzugeben, weil sie ihre Entlassung fürchten. „Sehr oft fahren wir zu Patienten und haben nur eine Maske, Handschuhe und eine Brille“, erzählt der Rettungssanitäter Dmitrij Serjogin. „Besondere Schutzanzüge sind nur für Einsätze bei bestätigten Coronavirus-Patienten vorgesehen. Sie werden in der zentralen Dienststelle aufbewahrt, und es gibt nur sehr wenige davon. Bei einem normalen Einsatz bekommt man solche Anzüge nicht, auch nicht, wenn ein Verdacht auf Lungenentzündung besteht.“ Ein Radiologe aus Twer, der anonym bleiben möchte, äußert gegenüber DW: „Ich war in der sogenannten ,schmutzigen Zone‘, wo Patienten mit Covid-19 liegen. Ich weiß, dass es Kliniken gibt, in denen das Personal zwölf Stunden im Einsatz ist und Windeln trägt.“

Tatyana Revva ist allein deswegen Repressalien ausgesetzt, weil sie von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht hat und Missstände offen anprangert. Mit unserer Protestaktion wenden wir uns an die russische Regierung und fordern sie auf, die Disziplinarmaßnahmen gegen die Ärztin einzustellen und die Versorgung des medizinischen Personals zu überprüfen und zu verbessern. Danke, dass Sie sich an unserer Petition beteiligen!

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