Monatsmagazine - 2010
Magazin 12/2010
Nur kurz kann ich ihm in die Augen schauen, denn nur wenige Momente lang geht sein Blick geradeaus. Doch er wirkt abwesend; er nimmt mich und seine gesamte Umgebung nicht wahr. Völlig apathisch liegt der kleine Machiek Mabor Marial, gerade einmal zwei Jahre alt, im Schoß seiner Mutter. Das abgemagerte Kind probiert erst gar nicht, seinen Kopf zu bewegen, geschweige denn ihn anzuheben. Jede Bewegung fällt Machiek schwer – er ist zu schwach. Die Zeit läuft gegen ihn. Klinikleiter Jonathan Musana verabreicht dem Jungen sofort eine Rehydrationslösung, um dem ausgelaugten Körper durch die Zufuhr von Flüssigkeit wieder etwas Leben einzuhauchen. Durch Krankheit geschwächt hat er sehr viel Gewicht verloren. Die dünnen Ärmchen und Beinchen wirken so zerbrechlich. Nicht mehr viel Haut überspannt seine kantigen Gelenke. Sein Anblick schockiert mich, und selbst als Laie ist mir klar: Machiek befindet sich in einem lebensbedrohlichen Zustand.
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Magazin 11/2010
Wenn die Erinnerung zurückkehrt, die Erinnerung an jenen furchtbaren Tag vor fünf Jahren, dann scheinen sich Isabellas Augen zu verdunkeln. Die 28-Jährige schweigt kurz. Dann erzählt sie leise, stockend, nach Worten ringend, wie Interahamwe-Rebellen in ihr Dorf stürmen, wie sie ihrer Hütte immer näher kommen, und wie sie schließlich im Raum stehen. Sie greifen sich Isabellas Mann, beschuldigen ihn, ein Spion zu sein. Er verneint, versucht zu beschwichtigen. Ein Wort gibt das andere, der Konflikt wird lauter. „Und dann haben sie ihn getötet“, weint Isabella. Erschossen vor den Augen der jungen Frau und der Kinder. Neun weitere Menschen sterben an diesem Tag in Isabellas Dorf. Dann zieht die mordende, lärmende Meute ab. Es herrscht nur noch tödliche Stille.
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Magazin 10/2010
Berg Karabach: In dem verschimmelten Zimmer steht eine Luft, die man schneiden könnte. Die zwölfjährige Gohar und ihre drei kleinen Geschwister sind allein in dem entsetzlich armseligen Raum. Mutter Loretta arbeitet als Putzfrau, und Vater Sergio streift ziellos durch die Stadt – wie jeden Tag. Die schlimmen Erlebnisse im zurückliegenden Krieg haben ihn „krank im Kopf“ gemacht, wie die Karabacher sagen. Die vier Kinder, das jüngste acht Monate alt, sind auf sich gestellt. Gohar kümmert sich um ihre Geschwister, einen anderen Alltag kennt sie nicht. Vorsichtig fragt unsere Mitarbeiterin Aljona bei ihrem Besuch, ob sie denn nicht das Fenster öffnen könne, damit etwas frische Luft hereinkäme. „Nein“, sagt Gohar mütterlich besorgt, „mein kleiner Bruder soll sich nicht erkälten!“ Die Kinder strahlen Aljona an; in ihrer ganzen Armseligkeit und Bedürftigkeit sind ihre Augen doch hoffnungsvoll auf die Pakete mit dem Hoffnungszeichen-Symbol gerichtet, die Aljona mitgebracht hat. Auf die Frage, was die Kinder den ganzen Tag über essen, antwortet Gohar schüchtern, dass die Mutter vor einigen Tagen Brot im Laden „geliehen“ – also auf Pump gekauft – habe.
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Magazin 09/2010
Niger: Der Regen kam viel zu selten. Und wenn er kam, so reichte er nicht, den trockenen Feldern genügend Wasser zu geben. In Niger, dem Wüstenland im Nordwesten Afrikas, ist der jährliche Regen so wichtig, dass ohne ihn der Ertrag der Landwirtschaft nicht ausreicht, um die Menschen bis zur nächsten Ernte zu versorgen. Zurzeit herrscht eine gravierende Hungersnot in diesem Land. Hunger: das ist für viele Menschen in Niger bitterer Alltag. Der Wüstenstaat ist nach Angaben der Vereinten Nationen das ärmste Land der Welt. Immer wieder bleibt der Regen aus und führt zu Verlusten bei der Hirseernte. Nun gibt es seit einigen Monaten keine Nahrungsmittel mehr, um die Ernteausfälle von 2009 auszugleichen. Weil es nichts mehr zu essen gibt, verlassen ganze Familien ihre Dörfer und flüchten in die Städte oder Nachbarländer.
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Magazin 08/2010
Haiti: Hitze liegt über der Stadt und immer noch dieser Staub. Der Staub der zerstörten Häuser. Die Menschen tragen mühsam, oft nur mit Hilfe von Schaufeln, so manche Schuttberge ab. Dazwischen hoffen sie, etwas Nützliches oder Verkäufliches zu finden, wie jede Art von Metall. Was in Haiti am meisten zählt, ist das Überleben. In den provisorischen Zeltlagern ist es ein Leben mit vielen Herausforderungen. „Wir versuchen die Problematiken des Camplebens zu verstehen und diese auch anderen Menschen verständlich zu machen“, erzählt mir Wismith Lazard. Der Leiter unserer Partnerorganisation, dem Jesuitenflüchtlingsdienst, betreut sieben Camps in Haiti, in denen jeweils zwischen 1.000 und 11.000 Erdbebenopfer Unterschlupf gefunden haben.
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Magazin 07/2010
Sudan: „Ich freu mich wie ein Schnitzel!“ Diesen Satz sagt die engagierte Hydrogeologin Dr. Hella Rüskamp nicht oft. Aber jetzt strahlt sie, weil sie für uns sauberes Wasser gefunden hat, ganz tief im sudanesischen Boden. Mitten im Ölgebiet von Thar Jath. Dort, wo das Wasser von der Ölindustrie verseucht ist. Wo die vielen kleinen Handbrunnen nicht mehr genutzt werden können, weil sie das Wasser aus der obersten Trinkwasserschicht anzapfen. In diese oberste Trinkwasserschicht sind immense Mengen an Schadstoffen eingetragen worden, die die komplette Wasserschicht verseucht haben. Doch jetzt ist unsere Bohrfirma in der Ortschaft Bouw in rund 220 Metern Tiefe auf einen sauberen Wasserleiter gestoßen.
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Magazin 06/2010
Haiti: „Meine Tochter ist gerade einmal 8 Tage alt. Sie heißt Daniela. Ich habe sie hier im Flüchtlingscamp auf die Welt gebracht. Alleine, ohne medizinische Betreuung.“ Soledad Nicola strahlt Ruhe aus. Vor ihr auf einem Kissen, in Baumwolltücher gewickelt, liegt ihr neugeborenes Baby. Es schläft friedlich. Die kleine Daniela ist wie ein Lichtstrahl inmitten dieser grauen Zeltstadt. Wir sind in einem der größten Flüchtlingslager von Port-au-Prince.
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Magazin 05/2010
Simbabwe: Die Familien im Armenviertel Mbare kämpfen täglich ums Überleben. Es gibt kaum Arbeit. An jeder Straßenecke stehen junge Männer. Sie warten darauf, dass jemand sie für Tagesarbeiten anheuert, doch das geschieht nur selten. Überall sehen wir Verkäuferinnen. Frauen, die auf dem Boden sitzen und all das verkaufen, was sie gefunden oder angepflanzt haben: ein paar Plastikteile, wenige Tomaten oder Selbstgebasteltes. Auf die Frage, wie sie ihre Miete bezahlen, Nahrungsmittel kaufen oder ihren Kindern neue Kleidung beschaffen können, bekomme ich ein Achselzucken als Antwort. Hoffnungslosigkeit verspüre ich, da es selbst nach mehrmaligem Nachfragen keine klare Antwort auf meine Frage gibt. Die Zukunft ist so ungewiss!
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Magazin 04/2010
Sudan: Die zweijährige Maria Nyamuoka wird von ihrer Großmutter in die Hoffnungszeichen-Buschklinik getragen. „Die Kleine lebt seit zwei Monaten bei mir. Sie hat ständig Durchfall. Sie ist so schwach. Und dann immer wieder dieses hohe Fieber“, berichtet die besorgte Oma. „Dabei habe ich meiner Tochter versprochen, mich gut um sie zu kümmern. Sie ist Witwe und muss sich und ihre beiden älteren Kinder alleine ernähren.“
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Magazin 03/2010
Sudan: In einem Brief der Comboni-Schwester Giovanna Calabria aus Nzara schildert sie uns die derzeitige Lage der Menschen im südlichen Sudan. [...] „Wir sind sehr besorgt, besonders um Kinder und Frauen. Die Kinder sind krank, sie haben so wenig zu essen. [...] Bitte lasst uns nicht im Stich. Ich bitte euch im Namen des Herrn“, berichtet Schwester Giovanna.
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Magazin 02/2010
Haiti: Chaos in Port-au-Prince: Nach dem schweren Erdbeben, das Haiti am 12. Januar heimsuchte, sind die Menschen verzweifelt. Mit bloßen Händen versuchen viele, ihre verschütteten Angehörigen aus den Trümmern eingestürzter Gebäude zu befreien. Eine riesige Staubwolke hängt über der Stadt, in der kaum ein Stein mehr auf dem anderen steht.
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Magazin 01/2010
Simbabwe: Maismehl. Maismehl. Maismehl. Das ist das Grundnahrungsmittel der Armen in Simbabwe. „Fleisch gibt es nur, wenn sich jemand unser erbarmt und uns etwas schenkt. Manchmal gehen wir betteln, um für uns Essen zu erbitten“, sagt mir die dreifache Mutter Jeni Zewo. „Mein Mann und ich haben keine Arbeit. Niemand hat Arbeit hier. Alle verkaufen irgendetwas auf der Straße, um zu überleben.“ Bei unseren Hausbesuchen im Armenviertel Mbare hören meine Kollegin Dorit Töpler und ich immer wieder Äußerungen wie diese und sehen die widrigen Lebensumstände der Menschen.
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